Was verbindet die Gehirne von Albert Einstein, David Garrett und Taxifahrern?
In meinem Artikel, "Richtig Üben: Die 3 Stufen vom Amateur zum Profi", hast du erfahren, wie Profis üben. Die Kernessenz: Du kannst besser werden, wenn du weißt wie. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in deiner Herangehensweise, dem bewussten Üben.
Doch warum funktioniert bewusstes Üben? Was passiert in deinem Körper und Gehirn, wenn du deine Fähigkeiten verbesserst? Das erfährst du in diesem Artikel.
Das Geheimnis menschlicher Anpassungsfähigkeit heißt Homöostase. Hier enthülle ich, was dahintersteckt.
Du erfährst, warum sich dein Körper anfangs instinktiv gegen jede Veränderung sträubt und wie du genau diesen Widerstand in persönliches Wachstum umwandelst.
Und du lernst, was die Gehirne von Albert Einstein, David Garrett und einigen Taxifahrern aus London verbindet.
Lass uns über deinen Motor für Veränderung sprechen und ihm ein paar Pferdestärken hinzufügen. Los geht's!
Inhaltsverzeichnis
- Homöostase - dein Antrieb für Veränderung
- Dein Gehirn im Wandel - 3 Beweise aus der Praxis
- Du bist der Architekt deines Gehirns
- Quellen
Homöostase - dein Antrieb für Veränderung
Das Streben nach Stabilität
Wie kommt es, dass Menschen so unterschiedliche Fähigkeiten entwickeln? Und warum fühlt sich Fortschritt manchmal so schwer an?
Die Antworten darauf sind unserer Biologie verankert. Der Mensch besitzt einen fundamentalen Drang nach Stabilität. Dieses Phänomen heißt Homöostase.
Stell dir deinen Körper vor wie ein hochmodernes Kraftwerk. Dein Gehirn ist der Direktor, der alle wichtigen Entscheidungen trifft.
Dein Herz ist der Generator. Es pumpt das Blut durch kilometerlange Leitungen, die als Nährstoff- und Kühlsystem fungieren, um die Maschinen tief im Inneren, die Organe, funktionsfähig zu halten.
All diese Prozesse deines Kraftwerks sind auf eine präzise Betriebstemperatur von rund 37 Grad Celsius geeicht. Starke Abweichungen beeinträchtigen die Funktionsweise deines Körpers.
Wenn du z.B. Sport treibst und dein Körper seine Temperatur nicht durch Schwitzen regulieren könnte, würdest du wie ein Computerchip ohne Kühlung überhitzen.
Starke Schwankungen sind also lebensgefährlich. Herzrate, Blutdruck und Körpertemperatur bleiben von Tag zu Tag gleich. Das Kraftwerk benötigt Stabilität, um funktionieren zu können.
Das Stabilitäts-Paradox - Dein Körper im Wandel
Paradoxerweise ist es gerade dieses Streben nach Stabilität (Homöostase), das Veränderung bewirkt. Bringt eine Herausforderung deinen Körper aus seinem aktuellen Gleichgewicht, reagiert er mit Anpassung.
Wenn du Sport treibst, verändern sich Herzrate, Blutdruck und Körpertemperatur. Dein Kraftwerk muss plötzlich mehr leisten.
Diese Auslastung bedeutet Instabilität. Kurzfristig kann dein Körper damit umgehen. Doch langfristig gesehen laufen Maschinen unter Höchstlast heiß.
Wie kann sich der Körper also helfen? Wenn ein Kraftwerk an seine Leistungsgrenze stößt, braucht es neue Turbinen oder effizientere Generatoren, um mehr Energie zu produzieren.
In der Wirtschaft ist das kein Problem. Mit ausreichend Kapital kannst du dir einen neuen Generator kaufen. In der Natur funktioniert das jedoch nicht.
Du kannst dir nicht einfach ein leistungsfähigeres Herz kaufen. Deshalb hat sich dein Körper ein paar geniale Mechanismen ausgedacht, um auf Herausforderungen zu reagieren.
Ähnlich wie man ein Kraftwerk aufrüstet, um mehr Leistung zu liefern, so kann auch der Körper Ausdauer und Kraft durch Anpassung steigern:
Eine bessere Blutzirkulation (effizientere Leitungen), größere Muskeln (stärkere Generatoren) oder dickere Sehnen (robustere Bauteile).
In seinem Streben nach Stabilität reagiert dein Körper mit hauseigenen Mitteln. Er will die Instabilität überwinden und verbessert sich somit selbst.
Diese Anpassungsfähigkeit ermöglicht es dir, Herausforderungen zu überwinden und in einen neuen, robusteren Zustand der Stabilität zurückzufinden.
Das erste Mal Joggen ist eine Qual. Es ist der Moment, in dem dein Kraftwerk eine Leistung liefern soll, für die es nicht ausgelegt ist. Deine Lungen schreien nach Sauerstoff, dein Herz pocht dir bis zu den Ohren und deine Waden brennen, als zirkulierte darin flüssiges Metall.
Doch wenn du zwei Wochen durchhältst und regelmäßig läufst, fallen dir die drei Kilometer, die sich zu Beginn anfühlten wie ein Überlebenskampf, viel leichter.
Deine Blutzirkulation versorgt deinen Körper besser mit Sauerstoff. Deine Lungen scheinen etwas mehr Kapazität zu besitzen und deine Waden halten der Belastung länger stand.
Dein Körper hat sich an das Training angepasst. Nicht, weil er will, dass du regelmäßig Joggen gehst, sondern weil es die einzige Chance ist, wieder in einen stabilen Zustand zu gelangen.
Das gilt für's Joggen genauso wie für's Schwimmen, Radfahren, Ringen oder Klettern. Damit das System langfristig überlebt, ist es unerheblich, welche Belastung es überwindet. Entscheidend ist, dass es die Belastung überwindet.
Das Stabilitäts-Paradox - Dein Gehirn im Wandel
Genau das Gleiche passiert im Gehirn. Deine Denkfabrik ist ein enormer Energiefresser. Obwohl das Gehirn nur 2 Prozent der Körpermasse beträgt, verbraucht es rund 20 Prozent der Energie.
Warum? Homöostase. Es strebt nach Stabilität. Es hält die Prozesse am Laufen. Ohne den Direktor in deinem Hirnkasten funktioniert nichts. Die Lichter brennen, auch wenn du nichts produzierst. Geht das Licht aus, heißt es game over für dich.
Auch hier gilt das Paradox, dass es ausgerechnet dieses Streben nach Stabilität ist, durch dass du dein Gehirn durch gezielte Anstrengungen verändern kannst.
Im Gehirn läuft dieser Prozess etwas anders ab. Du baust keine Muskeln auf wie in deinen Waden beim Joggen.
Dein Gehirn reagiert durch Plastizität. Es ist in der Lage, bestehende Verbindungen zu stärken, neue Verbindungen zu erzeugen oder sogar in geringem Umfang völlig neue Muskeln in Form von Neuronen zu bilden.
Der Mechanismus bleibt allerdings derselbe. Die Nervenbahnen in deinem Gehirn verändern sich nur, wenn du es regelmäßig einer bestimmten Beanspruchung aussetzt.
Eine neue Sprache zu lernen kann wahnsinnig frustrierend sein. Die Vokabeln bleiben nicht hängen, du kannst keine Konversation führen und bist auf Kindervideos angewiesen, um überhaupt etwas zu verstehen.
Doch wenn du dich dieser Herausforderung regelmäßig aussetzt, speichert dein Gehirn die Vokabeln, erkennt grammatikalische Zusammenhänge und gewöhnt sich an den Klang der neuen Sprache.
Homöostase funktioniert für alle Menschen gleich. Albert Einstein entwickelte die Relativitätstheorie nicht mit 10, sondern mit 26 Jahren.
Bis dahin verbrachte er enorm viel Zeit mit mathematischen und physikalischen Problemen. Wie du später erfahren wirst, veränderte sich dadurch sogar sein Gehirn.
Das Prinzip der Homöostase ist so fundamental, dass es die außergewöhnlichen Fähigkeiten von Taxifahrern, Musikern und Genies wie Albert Einstein erklärt.
Doch bevor wir uns diese Beispiele genauer anschauen, möchte ich dir zeigen, wie Homöostase auch für dich funktionieren kann.
Wie du dir Stabilität zunutze machst
Jede Medaille besitzt zwei Seiten. Homöostase fördert Anpassung, aber verhindert sie auch.
Das Streben nach Stabilität ist der Grund, warum sich jede Form von Veränderung zunächst instinktiv schwer anfühlt.
Dein Körper will sich nicht verändern. Er möchte seine Prozesse stabil halten, um sein Überleben zu sichern.
Gleichzeitig führt dieser Drang nach Stabilität überhaupt erst zu der Anpassung deines Körpers an neue Herausforderungen. Diese Erkenntnis kannst du dir zunutze machen.
Wenn du deinen Körper nicht sofort mit Extremsituationen überrumpelst, sondern
- ihn gezielt an neue Herausforderungen heranführst und
- dieses neue Verhalten langfristig aufrechterhältst,
dann wird dein Körper in seinem Streben nach Stabilität mit Anpassung reagieren.
Seit ein paar Wochen integriere ich fast täglich Klimmzüge in meinen Trainingsplan. Mein Ziel waren 100 Klimmzüge in 20 Minuten.
Am Anfang war ich skeptisch. War das wirklich eine gute Idee?
In der Vergangenheit reichten schon 30 - 40 Klimmzüge, um meinen Rücken auf Pump, meinen Bizeps zum Brennen und meine Hände zum Anschwellen zu bringen. 100 Klimmzüge pro Tag klangen nach vorprogrammierter Überlastung…
Bis ich von Truett Hanes (@just_truett) Weltrekord hörte: 10.001 Klimmzüge in 24 Stunden. Selbst am Ende, nach über 9.000 Klimmzügen, zog er sich noch 10 Mal am Stück über die Stange. Was sind 100 Klimmzüge dagegen?
Heute benötige ich 30 - 40 Klimmzüge, um überhaupt warm zu werden. Momentan lande ich bei 120 Klimmzügen pro Trainingseinheit und kann immer noch welche hinzufügen. Mein Körper hat sich an die Belastung gewöhnt. Er liefert. Überlastung Fehlanzeige.
Die Grenzen der Anpassungsfähigkeit
Ein Wort der Warnung. Wenn du motiviert bist, etwas an dir zu verändern oder eine neue Fähigkeit zu erlernen, dann denk daran, dass du nicht dort anfängst, wo andere aufhören.
Ich habe nicht mit 100 Klimmzügen am Tag angefangen. Noch vor 5 Jahren schaffte ich keine 10. Als ich dieses Jahr meine Wiederholungen steigern wollte, begann ich bei 50 Klimmzügen pro Trainingseinheit.
Hätte ich mir direkt 1.000 Klimmzüge als Ziel gesetzt, wie es Truett Hanes in seinen Youtube-Videos zeigt, hätte ich mich ernsthaft verletzen können.
Du musst deinen Körper Stück für Stück an den neuen Wunschzustand heranführen. Wie das geht? Hier ein paar Tipps:
Identifiziere dein Basisniveau.
Ohne ein konkretes Ziel festzulegen machst du z.B. so viele Klimmzüge, bis du das Gefühl kriegst, dass deine Kraft nachlässt. Das ist dein Basisniveau.
Wenn du ein besserer Läufer werden willst, könntest du eine kleine Runde durch den Stadtpark joggen und deine Zeit messen oder testen, wie lange du am Stück laufen kannst, ohne gehen zu müssen.
Geh nicht direkt bis an dein Limit. Finde zuerst heraus, was du bereits ohne große Anstrengung bewältigen kannst und bau darauf auf.
Wähle deine Steigerungsmethode.
Von deinem Basisniveau ausgehend, arbeitest du dich in kleinen Schritten an dein großes Ziel heran.
Es geht nicht darum, die perfekte Methode zu finden, sondern die, die für dich und deine aktuelle Situation am besten funktioniert. Hier sind drei Methoden:
Methode A: Die 10-Prozent-Regel
Die 10-Prozent-Regel ist ein simpler, aber wirkungsvoller Startpunkt: Schlag einfach 10 Prozent auf dein aktuelles Leistungsniveau drauf und versuche, es bei der nächsten Trainingseinheit zu erreichen.
- Wenn du 50 Klimmzüge schaffst, probier beim nächsten Mal 55.
- Wenn du 5 Kilometer laufen kannst, nimm dir das nächste Mal 5,5 Kilometer vor.
Methode B: Der Marathon-Ansatz
Der Nachteil von Methode A ist, dass deine Leistungssprünge mit jedem Training größer werden. 10 Prozent von 100 sind schon 10 Klimmzüge, nicht mehr 5.
Eine nachhaltigere Methode ist deshalb, die 10 Prozent einmalig von deinem Basisniveau aus zu berechnen und beizubehalten.
Du steigerst dich also jedes Mal um 5 Klimmzüge, egal, ob du mittlerweile 100 oder 200 Stück schaffst. Dieser Ansatz schützt dich vor unrealistischen Sprüngen.
Methode C: Der Momentum-Generator
Die Größe deines Fortschrittes ist zweitrangig. Wichtiger ist, dass du dran bleibst. Denn was bringen dir 10 Prozent, wenn du sie nur sporadisch oder nie erreichst?
Bei Methode C steht deshalb kein Prozentsatz im Mittelpunkt, sondern deine Gewohnheit.
Beispiel: Das Ziel meiner Klimmzug-Herausforderung war, jeden Tag einen einzigen Klimmzug mehr als am Vortag zu schaffen. Mein Basisniveau lag bei 50. Um 100 Klimmzüge zu erreichen, musste ich zwar 50 Tage lang dran bleiben, dafür aber jeden Tag nur einen einzigen Klimmzug mehr schaffen.
Die tägliche Hürde sank dadurch auf ein Minimum und ich erlebte regelmäßig Erfolge. So entsteht Momentum und deine Gewohnheiten festigen sich, statt dich zu überlasten.
Mit diesen drei Methoden kannst du deinen Leistungsstandard verbessern, ohne deinen Körper direkt beim ersten Training an die Wand zu fahren.
Viele Anfänger sind bei ihren ersten Gehversuchen zu ehrgeizig. Sie joggen 10 Kilometer am Stück und sind danach zwei Wochen lang so kaputt, dass sie sich nicht mehr zum Laufen motivieren können oder sich sogar verletzen.
Oder sie verpflichten sich dazu, täglich eine Stunde lang Vokabeln zu pauken, bis sie an ihrem neuen Hobby ausbrennen.
Es ist lobenswert, wenn du dir große Ziele setzt, aber bleib dabei realistisch. Denke groß, aber handle klein.
Der Schlüssel zum Ziel heißt Konsistenz, nicht Überanstrengung.
Homöostase ist dein Motor für Veränderung. Sie funktioniert allerdings nur, wenn du dein System nicht crasht.
Genauso wie du Stück für Stück deine Muskeln durch gezieltes Training daran anpasst, mehr Leistung zu liefern, so kannst du auch dein Gehirn dazu bringen, neue Fähigkeiten zu lernen oder zu verbessern.
Wenn du das einmal verstanden hast, kannst du von deinem Körper durch gezielte Anregung Veränderung einfordern.
Es ist so simpel und doch so schwer. Die größte Hürde ist das Anfangen. Die ersten 100 Meter. Der Weg ins Fitnessstudio. Das Aufklappen eines Buches.
Einmal angefangen, ist Veränderung lediglich eine Frage der Zeit. Dein Körper übernimmt den Rest.
Jetzt verstehst du, wie der Motor funktioniert, der Veränderung antreibt, und weißt, wie du ihn für dich arbeiten lassen kannst. Doch die Auswirkungen dieses Antriebs kennst du noch nicht.
Homöostase klingt zunächst nur nach marginaler Anpassung. Doch ihr langfristiger Effekt ist erstaunlich. Als würde man ein Atomkraftwerk in einem Dieselmotor verstecken.
Lass uns also einen Blick auf drei verblüffende Beispiele werfen, die zeigen, wie drastisch sich unser Gehirn durch gezielte Anstrengung verändern kann.
Dein Gehirn im Wandel - 3 Beweise aus der Praxis
Werfen wir nun also einen Blick auf Albert Einstein, David Garrett und ein paar Taxifahrer aus London. Sie alle liefern Beispiele für den Effekt der Homöostase.
Das Gehirn eines Taxifahrers
In meinem Artikel "Das Taxi-Gehirn: Die Kunst, sich neu zu erfinden." habe ich bereits ausführlich über die beeindruckenden Gedächtnisleistungen von Taxifahrern berichtet.
Wer in London eine Taxilizenz erhalten will, muss einen der härtesten Tests der Welt bestehen: The Knowledge. Über 25.000 Straßen, sämtliche Denkmäler, Parks und Raritäten sowie immer die beste Route von A nach B.
Eine enorme Gedächtnisleistung. Kein Wunder also, dass die Taxifahrer schon bald das Interesse von Neurowissenschaftlern wie Eleanor Maguire weckten.
Maguire war insbesondere an einem bestimmten Hirnareal interessiert, dem Hippocampus. Er spielt eine zentrale Rolle für das Bilden neuer Erinnerungen, deren Überführung ins Langzeitgedächtnis sowie für räumliche Orientierung.
Maguire fand heraus, dass der hintere Teil des Hippocampus bei Taxifahrern signifikant größer war als bei Kontrollgruppen, die die Ausbildung nicht durchliefen1.
Nun könnte man einwenden, dass vielleicht gerade die Menschen die Ausbildung bestehen, die bereits von Geburt an mit einem größeren Hippocampus gesegnet sind. Doch das stimmt nicht.
Vor der Ausbildung waren keinerlei Unterschiede innerhalb der Gruppe von Anwärtern sowie im Vergleich zur Kontrollgruppe erkennbar. Diejenigen, die die Ausbildung abbrachen oder nie begannen, zeigten keine Veränderungen2.
Eleanor Maguires Taxifahrer liefern den klaren Beweis: Gezieltes Training verändert das Gehirn und diese Anpassung ist messbar. Und genau die gleiche Erkenntnis zeigt die Forschung auch bei Musikern.
Das musikalische Gehirn
Als ich 14 Jahre alt war, fing ich mit dem Bass spielen an. Sofort waren wir beste Freunde. Ich spielte jeden Tag. Unbewusst veränderte ich dadurch die Struktur meines Gehirns.
Der Psychologe Edward Taub fand heraus, dass das Kleinhirn, ein wichtiges Gebiet für die Koordination von Bewegung, in Musikern größer ist als in anderen Menschen. Das bestätigten auch andere Studien.
Je früher ein Mensch ein Instrument lernt, desto mehr graue Substanz besitzt er in den Arealen, die die entsprechenden Bewegungen koordinieren. Dadurch steigt die Fähigkeit, ein Instrument zu spielen3.
In diesen Ergebnissen versteckt sich eine wichtige Erkenntnis: Wenn du ein Instrument spielst, veränderst du deine Biologie.
Du übst also nicht einfach nur, sondern beeinflusst die Kapazitäten deines Gehirns und erhöhst dadurch deine musikalische Begabung.
Ergo: Erwarte nicht, dass du mit musikalischem Talent beginnst, sondern dass du es entwickelst.
Ohne es zu wissen, habe ich als Jugendlicher durch das viele Üben nicht nur meine Finger gestärkt, sondern auch die Biologie meines Gehirns verändert.
Noch größer sind diese Effekte bei Musikern wie David Garrett, Eddie van Halen oder Wolfgang Amadeus Mozart, die auf ihren Instrumenten ein völlig neues Niveau an Virtuosität erreichten und dafür noch viel mehr üben mussten als ich.
Hinter den Musikern steht dieselbe Erkenntnis wie bei den Taxifahrern: Gezieltes Üben verändert deine Biologie.
Was wäre also, wenn sich dieses Prinzip nun auch auf einen der größten Denker der Geschichte anwenden ließe?
Das mathematische Gehirn
Albert Einstein ist bis heute einer der bekanntesten Physiker der Welt. Fasziniert von Einsteins Genie, untersuchte der Pathologe Thomas Harvey dessen Gehirn auf anatomische Besonderheiten. Die Untersuchung offenbarte etwas Außergewöhnliches:
Ein für abstraktes, mathematisches Denken besonders relevantes Hirnareal, der Parietallappen, wies bei Einstein eine eigenartige Form auf und war zudem signifikant größer als bei Durchschnittspersonen4.
Nun könnte man einwenden: Einstein war eben ein Genie und kam mit diesem Talent auf die Welt. Er zeigte schon frühzeitig eine Begeisterung für die Naturwissenschaften und schrieb darin stets Bestnoten.
Doch nun frage ich dich: Das Gehirn von Taxifahrern verändert sich durch gezielte Anstrengung. Das Gehirn von Musikern verändert sich durch gezielte Anstrengung.
Wie könnte also das Gehirn von Albert Einstein reagiert haben, das sich ein Leben lang mit mathematischen Herausforderungen konfrontiert sah?
Ob Einsteins Gehirn eine natürliche Veranlagung zur Mathematik besaß, wissen wir nicht. Was wir jedoch definitiv wissen, ist folgendes:
Je länger Menschen sich mit mathematischen Problemen auseinandersetzen, desto mehr graue Substanz bauen sie im Parietalbereich des Gehirns auf.
Diese Erkenntnis spricht also dafür, dass Einsteins neurobiologische Auffälligkeiten kein genetischer Vorteil, sondern das Resultat intensiven Denkens und Übens waren.
Und das bringt uns zurück zu unserer grundlegenden Erkenntnis:
Egal, auf welchem Gebiet du dein Gehirn herausforderst, es wird mit Anpassung reagieren.
Du bist der Architekt deines Gehirns
Am Ende dieses Artikels hast du zwei entscheidende Erkenntnisse gewonnen:
- Du verstehst, warum das ursprüngliche Hemmnis, sich anzustrengen, keine Hürde, sondern dein Motor für Veränderung ist und wie du dir Homöostase zunutze machen kannst.
- Du weißt, dass der Glaube, dein Gehirn formen zu können, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht.
Musiker wie der Violinist David Garrett beeinflussen durch das viele Üben ihr Kleinhirn. Albert Einstein veränderte das Wachstum seines Parietallappen. Und ein Taxifahrer, der sich die Londoner Innenstadt ins Gedächtnis einprägt, trainiert seinen Hippocampus.
Jede dieser außergewöhnlichen Fähigkeiten geht mit einer physischen Veränderung des Gehirns einher.
Also: Wenn du von deinem Körper Anpassung verlangst, wird er mit Veränderung reagieren. Das ist das Prinzip der Homöostase.
Es ist also keine Frage,
ob du dich anpassen kannst,
sondern ob du bereit bist,
die nötige Anstrengung aufrechtzuerhalten,
damit die Veränderung stattfinden kann.
Das erkannte auch Charles Bukowski:
I was waiting for something
extraordinary to happen
but as the years wasted on
nothing ever did,
unless I caused it.
- Charles Bukowski
Homöostase ist der Motor für Veränderung und jetzt weißt du, wie er funktioniert.
Doch was genau passiert da im Kopf? Wie verändert sich unser Denken, wenn wir uns neue Fähigkeiten aneignen?
Im nächsten Artikel erkunden wir die mentalen Blaupausen, die einen Experten von einem Anfänger unterscheiden.