Warum sind manche Leute so felsenfest von ihrer Kompetenz überzeugt, während andere Menschen ständig an sich zweifeln? Und wie treffsicher ist dieses Urteil?

Vielleicht kennst du das noch aus der Schulzeit: Manche Menschen prophezeien, dass die letzte Schulaufgabe daneben ging. Sie sehen ihren sozialen Abstieg schon vor sich: Für die Schule zu dumm, von den Eltern enterbt und am Ende wird es… eine 2?!

Dann gibt es noch die Sorte Schüler, die nach einem Test vollkommen von sich selbst überzeugt ist. Selbst in der Durchsprache der Schulaufgabe zweifeln sie an nichts. Als der Lehrer ihnen dann die 5 in die Hand drückt, fragen sie sich, ob es sich um einen Schreibfehler handelt.

Beide Gruppen sind nicht in der Lage, ihre eigenen Leistungen einzuschätzen. Ist das nicht etwas seltsam? Wie kann Wahrnehmung so unterschiedlich sein? Dieser Frage möchte ich heute näher auf den Grund gehen. Heute geht es um den Dunning-Kruger-Effekt.

Inhaltsverzeichnis

  1. Unser Gehirn auf Autopilot
  2. Selbsttäuschung: Blind für die eigene Inkompetenz
  3. Der Dunning-Kruger-Effekt wissenschaftlich belegt
  4. Der Dunning-Kruger-Effekt in der Praxis
  5. Nicht alles ist Selbsttäuschung.
  6. Schutz vor Selbstüberschätzung: 5 wirksame Strategien
    1. 1. Stets von der eigenen Unwissenheit ausgehen
    2. 2. Zuhören statt reden
    3. 3. Das eigene (Un-)Wissen überprüfen
    4. 4. Fehler als Chance verstehen
    5. 5. Ein Growth Mindset entwickeln
  7. Ein kurzer Rückblick
  8. Dein Leben - ein Videospiel?
  9. Quellen

Unser Gehirn auf Autopilot

Menschen versuchen regelmäßig, die Komplexität ihrer Erfahrung zu reduzieren. Durch ihre bisherigen Erfahrungen filtern eingehende Reize, ohne sie jedes Mal neu zu beurteilen. Das macht den Alltag leichter. Würden wir jeden Reiz neu beurteilen, kämen wir wahrscheinlich nicht einmal zu Aldi um die Ecke. Kognitive Abkürzungen helfen uns zu funktionieren.

Die Neigung, Komplexität zu reduzieren, ist ein Schutzmechanismus unseres Gehirns. Doch das kann uns auch in die Irre führen, wenn wir unsere eigenen Fähigkeiten bewerten. Wenn unsere Wahrnehmung auf die Realität trifft, kommt es nicht selten zu Fehleinschätzungen. Das nennt man kognitive Verzerrung. Eine meiner persönlichen Lieblingsverzerrungen möchte ich dir heute vorstellen.

Selbsttäuschung: Blind für die eigene Inkompetenz

Der Dunning-Kruger-Effekt besagt, dass vor allem inkompetente Menschen besonders von ihren Fähigkeiten überzeugt sind. Sie sind sich ihres mangelhaften Wissens nicht bewusst und können somit das Ausmaß ihres Unwissens schlechter einschätzen1.

Der Physiker Neil deGrasse Tyson fasste dieses Phänomen zusammen, indem er sagte:

Es ist möglich, genug über ein Thema zu wissen, um zu denken, dass man richtig liegt, aber gleichzeitig zu wenig, um zu erkennen, dass man falsch liegt.

Anders formuliert: Woher willst du wissen, wie wenig du weißt, wenn du gar nicht weißt, was du nicht weißt? Wie willst du erkennen, dass deine Einschätzung falsch ist, wenn du so von deiner Kompetenz überzeugt bist, dass du nicht hinterfragst, ob du richtig liegst?

Inkompetente Menschen kreieren unbewusst ein falsches Narrativ über ihre Kompetenz. Sie erkennen die Lücken in ihrem Wissen nicht, überschätzen ihre Fähigkeiten und schließen dadurch auf allgemeine Kompetenz.

Die traurige Schlussfolgerung ist, dass Selbstbewusstsein nicht nur aus Kompetenz, sondern auch aus Ignoranz entsteht.

Der Dunning-Kruger-Effekt wissenschaftlich belegt2

Der Dunning-Kruger-Effekt ist nicht einfach nur eine Idee. Er lässt sich auch belegen. In einem Experiment absolvierten verschiedene Teilnehmer einen Logiktest. Am Ende sollten sie ihre Testergebnisse einschätzen.

Die erstaunliche Beobachtung: Ausgerechnet diejenigen, die mit nur 12 Prozent der Gesamtpunktzahl am schlechtesten abschnitten, schätzten ihre Leistungen bei 68 Prozent überdurchschnittlich hoch ein.

Das weckte das Interesse der Forscher. Ein zweites Experiment war nötig. Die Frage war nun, wie sich die Selbsteinschätzung der schlechtesten Teilnehmer verhalten würde, wenn man ihnen nach ihrer Ersteinschätzung die Ergebnisse der anderen Teilnehmer zeigte. Änderten sie dann ihre Meinung über ihr eigenes Abschneiden?

Nein. Selbst eine Konfrontation mit den Lösungen der anderen Teilnehmer ließ die schlechtesten Kandidaten nicht an sich zweifeln.

Erst in einem dritten Experiment konnten die Forscher den Dunning-Kruger-Effekt durchbrechen. Der Aufbau war wieder ähnlich. Doch statt den schlechtesten Kandidaten einfach nur die Antworten anderer Teilnehmer zu präsentieren, erhielt eine Hälfte der Gruppe eine zehnminütige Schulung in logischem Denken.

Obwohl auch im dritten Experiment die Ersteinschätzung der schlechtesten Kandidaten zunächst völlig überzogen war, war Gruppe 1 nun in der Lage, ihre Leistungen besser einzuordnen, während Gruppe 2 immer noch von derselben Fehleinschätzung betroffen war. Die Schulung half Gruppe 1, ihre eigene Fehleinschätzung zu korrigieren.

Die Forscher zogen aus ihren Experimenten folgende Schlüsse:

  1. Manche Menschen sind schlechter als andere, ihre Leistungen einzuordnen. Wenn du jetzt denkst, "Mich betrifft das nicht!", dann bist du vielleicht schon in die Falle getappt.
  2. Menschen brauchen konstruktives Feedback, um aus ihren Fehlern zu lernen. Dazu müssen sie genau verstehen, woran sie gescheitert sind.

Der Dunning-Kruger-Effekt in der Praxis

Das Experiment zeigt, wie hartnäckig eine Selbsttäuschung sein kann. Die Chance, dass wir nach Jahrzehnten im Beruf nicht besonders kompetent sind, ist gering, aber bei Weitem nicht unmöglich.

Stell dir folgendes Szenario vor: Ein Mitarbeiter in deinem Unternehmen geht nach 40 Jahren Betriebszugehörigkeit in den wohlverdienten Ruhestand. Als du noch in der Ausbildung warst, sammelte er bereits seit Jahrzehnten wichtige Erfahrungen.

Nun stellst du dir vor, wie es wohl sein wird, wenn du diesen Punkt erreichst. Wenn du einmal in den Ruhestand gehst, wirst du ein Experte sein - kompetent in jeder Hinsicht. Nach 40 Jahren Berufserfahrung ist das unausweichlich, oder?

Wenn du es allerdings einmal völlig nüchtern betrachtest, dann muss das nicht unbedingt so sein. Dafür gibt es sogar klare Hinweise aus der Forschung zu Expertise.

Sobald ein Mensch ein akzeptables Niveau in einem beliebigen Feld erreicht, schaltet er manchmal auf Autopilot. In diesem Fall führt mehr Übung nicht zu Verbesserung. Im Gegenteil: Die Forschung zeigt, dass jemand, der seit 20 Jahren Golf spielt und nach 5 Jahren aufhört, an seinen Fähigkeiten zu arbeiten, sogar schlechter sein kann, als jemand, der erst seit ein paar Jahren spielt.

Wenn wir unsere Fähigkeiten automatisieren und den Autopilot einschalten, bauen wir unser Können über den Verlauf der Zeit ab. Reine Wiederholung hält uns nicht kompetent3.

Übung macht den Meister.
Doch wenn der Meister aufhört zu üben, wird er schon bald vom Lehrling überholt.

Was für Hobbygolfer gilt, das gilt auch für andere. Betriebszugehörigkeit bedeutet nicht automatisch Kompetenz. Was ist, wenn das Selbstbewusstsein, das aus langjähriger Erfahrung resultiert, auf einer Illusion basiert? Was ist, wenn der Meister gar kein Meister ist, sondern nur denkt, einer zu sein?

Seit 40 Jahren gehst du in dieselbe Firma. Seit 40 Jahren siehst du dieselben Gesichter. Seit 40 Jahren gehst du der immer gleichen Tätigkeit nach. Diese Vertrautheit täuscht. Sie kann dazu führen, dass du nach fünf Jahren Betriebszugehörigkeit aufhörst, Dinge zu hinterfragen und tiefer in die Themen einzusteigen.

Nicht alles ist Selbsttäuschung.

Ich hoffe, mein Zukunftsszenario klingt nicht despektierlich. Ich habe großen Respekt vor allen, die lange in einem Betrieb arbeiten oder eine bestimmte Laufbahn verfolgen. Mein Opa war sein ganzes Leben in derselben Firma. Dabei hat er viel erreicht.

Auch mein Vater ist ein gutes Beispiel. Er hat noch am Ende seiner Karriere in der Justiz die Direktion eines Gefängnisses übernommen und dieses neu aufgebaut. Mein Opa und mein Vater sind beide nie stehengeblieben. Es ist also möglich, sich in einer Laufbahn weiterzuentwickeln, ohne kontinuierlich den Job zu wechseln.

Das Problem ist nicht die Erfahrung, sondern unsere Bequemlichkeit. Es gibt nicht viele Dinge, vor denen ich mich so sehr fürchte, wie vor der Aussicht, mich jahrzehntelang nicht weiterzuentwickeln. Ich möchte nicht auf mein Leben zurückblicken und feststellen, dass ich zu naiv war, um zu bemerken, dass ich abgehängt wurde. Stillstand ist für mich Teil eines unerfüllten Lebens.

Wenn wir aufhören, uns selbst zu hinterfragen, können wir in die Falle des Dunning-Kruger-Effekt tappen. Stillstand ist Rückschritt. Der Dunning-Kruger-Effekt dient mir nicht dazu, Menschen mit langjähriger Berufserfahrung schlecht zu reden. Ich nutze ihn als Leitbild. Er hilft mir dabei, mir selbst gegenüber skeptisch zu bleiben.

Was wir nun also brauchen, sind Lösungen, die diese Täuschung vermeiden und Kompetenz fördern. Wie kannst du dich vor dem Dunning-Kruger-Effekt schützen?

Schutz vor Selbstüberschätzung: 5 wirksame Strategien

1. Stets von der eigenen Unwissenheit ausgehen

Der kanadische Psychologe Jordan Peterson schrieb in seinem Buch Beyond Order:

"It is better to presume ignorance and invite learning than to assume sufficient knowledge and risk the consequent blindness."4

In eigenen Worten: Es ist besser, von persönlicher Ignoranz auszugehen und Lernen zu ermöglichen, als ausreichendes Wissen anzunehmen und die daraus resultierende Blindheit zu riskieren.

Jeder von uns verfügt über eine erstaunliche Wahrnehmung. Doch jeder von uns ist durch Selbsttäuschung auch in der Lage, sich selbst zum Verhängnis zu werden. Eine gewisse Skepsis vor dem eigenen Selbstbild ist eine gesunde Grundeinstellung.

Hier ein paar Schnellfeuer-Ideen:

  • Wenn du das nächste Mal eine Entscheidung triffst, frage dich, welche Information dir fehlen könnte.
  • Wenn du überzeugt bist, dass du recht hast, frage dich, über welche Informationen dein Gegenüber verfügen könnte, die dir nicht vorliegen.
  • Wenn du in ein Meeting gehst, überlege dir vorab, welche drei Themen du definitiv noch nicht verstanden hast und näher klären willst.

So legst du den Fokus auf die Dinge, auf die du noch achten musst, statt nur auf das, was du bereits weißt.

2. Zuhören statt reden

Du besitzt zwei Ohren und nur einen Mund. Naturgemäß scheint das Hören wichtiger als das Sprechen zu sein. Doch viele Menschen denken hauptsächlich mit dem Mund. Sie reden lieber, als dass sie zuhören. Während der andere spricht, denken sie bereits daran, was sie als nächstes sagen. Doch wie sollen wir unsere Lücken erkennen, wenn wir nicht zuhören, sobald uns jemand darauf hinweist?

Mein Tipp: Sprich weniger, als du zuhörst. Geh stets davon aus, dass dein Gegenüber dir etwas zu sagen hat, das du noch nicht weißt5. Diese Einstellung schützt dich vor dem Dunning-Kruger-Effekt. Du bist von Menschen umgeben, die dich zum Teil völlig anders wahrnehmen, als du dich selbst. Um auf dieses Feedback zugreifen zu können, musst du ihnen dein Gehör schenken.

Zuhören wird oft als Schwäche gesehen. In sozialen Kontexten, vor allem im Beruf, muss man sich durchsetzen, heißt es. Für mich ist Zuhören aber eine Stärke. Es bedeutet nicht, dass du dich nicht durchsetzen kannst. Es bedeutet, dass du deine Meinung zurückstellen kannst und redest, wenn es zählt. Es bedeutet, dass du offen dafür bist, etwas Neues zu erfahren, das dein bisheriges Wissen in Frage stellt.

Ich selbst gehöre auch zu diesen gedanklichen Wanderern. Wenn mir jemand etwas erzählt, geht bei mir das Kopfkino los und schon bin ich aus der Unterhaltung raus.

Was mir hilft: Manchmal spreche ich gedanklich nach, was mein Gegenüber sagt. Ich lasse ihn ausreden (oder versuche es zumindest). Ich mache Pausen, bevor ich antworte. Ab und zu übe ich mich auch im Paraphrasieren: "Verstehe ich das richtig, dass du sagst…". "Meinst du damit, dass…". Diese kleinen Kniffe helfen mir, im Hier und Jetzt zu bleiben.

3. Das eigene (Un-)Wissen überprüfen

    Tests sind eine meine beliebtesten Lernmethoden, denn sie sind effektiv. Zunächst geben sie dir Feedback. Ein Test zeigt dir, ob du Lücken hast. Er konfrontiert dich mit der Realität. Entweder weißt du etwas oder du weißt es nicht.

    Weiterhin zwingen dich Tests zum aktiven Abrufen des Gelernten. Dabei musst du dir das Wissen unter eigener Anstrengung ins Gedächtnis rufen. Das ist besser als z.B. wiederholtes Lesen. Denselben Text mehrfach zu lesen sagt dir nichts darüber, ob das Wissen wirklich abrufbereit ist6.

    Tests machen dich tatsächlich kompetenter. Sie begegnen dem Dunning-Kruger-Effekt genau da, wo es weh tut, indem sie Inkompetenz aufzeigen und Kompetenz fördern. Hilfreiche Tipps, wie du Tests in deinen Lernprozess integrieren kannst, findest du in dem bereits erwähnten Artikel.

    Wenn du dein eigenes Urteilsvermögen wirklich schärfen willst, darfst du Selbsttests und aktives Abrufen nicht unterschätzen. Diese Methoden zeigen dir, was du wirklich weißt und was du nur zu wissen meinst. Klar, der Glaube an die eigenen Fähigkeiten ist wichtig. Aber wenn es nicht auf dem basiert, was du wirklich kannst, dann ist es eher Angeberei oder Größenwahn.

    Wenn du dich in der Königsdisziplin üben willst, dann schreib über das, was du lernst. Formuliere Zusammenfassungen, Karteikarten oder Artikel. Je stärker du dein Wissen mit anderen Inhalten verknüpfst, desto länger bleibt es hängen - und desto kompetenter wirst du.

    Eine weitere, geniale Methode ist die Feynman-Technik (nach dem Physiker Richard Feynman benannt). Feynman war davon überzeugt, dass Schwierigkeiten bei der Formulierung eines Gedanken aus Verständnisproblemen resultieren. Wenn du etwas nicht in einfachen Worten erklären kannst, dann hast du es nicht richtig verstanden7.

    Je besser du also Konzepte auf das Wesentliche reduzieren kannst, desto besser hast du sie verstanden. Wenn du das nächste Mal etwas lernst und du denkst, du hast es verstanden, dann stell dir vor, du müsstest es einem Laien oder einem Kind erklären.

    Wo kommst du ins Stocken? Wo verwendest du Fachbegriffe, für die dir kein einfacheres Wort einfällt? Genau dort liegen deine Wissenslücken.

    4. Fehler als Chance verstehen

      In unserer Kultur betrachten wir Fehler als Zeichen unseres Versagens. Einen Misserfolg erkennen wir als Hinweis auf geringe angeborene Fähigkeiten. Wenn Fehler auftreten, verschweigen wir sie deshalb gerne. Dadurch setzen wir uns jedoch nicht ausreichend mit ihnen auseinander. Das ist riskant.

      Stell dir vor, du möchtest lernen, wie man Fallschirm springt. Wenn du nicht aufmerksam bleibst und die richtigen Schlüsse aus deinen Fehlern ziehst, ist der Tribut, den du dafür zahlst, mitunter tödlich.

      Aus akademischer Sicht sind die Konsequenzen nicht so gravierend. Wenn du in einem Test schlecht abscheidest und nichts daraus lernst, stirbst du nicht. Trotzdem sind die Folgen lebenslanger Naivität nicht zu unterschätzen.

      Fehler sind das stärkste Feedback zur Schärfung der eigenen Wahrnehmung. Nimm es an und setz dich mit deinen Fehlern auseinander. Ansonsten könntest du nach 40 Jahren feststellen, dass du dich nie wirklich weiterentwickelt hast. Aus meiner Sicht ist das ein enorm hoher Tribut.

      Hol dir regelmäßiges Feedback von Menschen ein, mit denen du viel zusammenarbeitest oder die dich gut kennen. Das kann manchmal weh tun. Ich selbst habe Feedback genau aus diesem Grund in der Vergangenheit bereits ausgeschlagen. Es war mir unangenehm. Aber vielleicht habe ich damit nur meine eigene Selbsttäuschung gefördert.

      Du bist zu einem gewissen Grad auch in der Lage, dir selbst Feedback zu geben. Durch Reflexion kannst du das üben. Wenn etwas schief geht, frage dich: Was ist passiert? Was kann ich das nächste Mal besser machen? Was war gut und was schlecht? Ich selbst mache das z.B. in Form eines Lerntagebuchs fast jeden Abend.

      5. Ein Growth Mindset entwickeln

        Die Psychologin Carol Dweck konnte in Experimenten zeigen, dass Schüler im Verlaufe eines Jahres bessere Leistungen vollbringen, wenn man ihnen vermittelt, dass nicht Intelligenz, sondern Anstrengung entscheidend für den Erfolg ist.

        Dweck veranstaltete einen Workshop mit leistungsschwachen Siebtklässlern. Darin vermittelte sie den Schülern Grundlagen zu Gehirnfunktion und Lernmethoden. Im Nachgang teilte Dweck die Klasse in zwei Gruppen. Eine der beiden Gruppen erhielt zusätzlich die Erklärung, dass man durch Anstrengung das Gehirn verändern und somit schlauer werden kann. Im Verlauf des Schuljahres zeigte diese Gruppe mehr Lernbereitschaft und bessere Leistungen im Vergleich zur Kontrollgruppe8.

        Die Botschaft: Ob du daran glaubst, etwas zu schaffen oder nicht - du wirst in jedem Fall Recht haben. Die Einen sind überzeugt, ihre angeborenen Fähigkeiten seien unveränderlich. Sie verstecken sich vor Herausforderungen. Das bezeichnet Dweck als das fixed mindset. Die Anderen glauben an Wachstum. Herausforderungen sind für sie eine Chance für persönliches Wachstum. Das ist das growth mindset.

        Dieser Glaube an die eigene Anpassungsfähigkeit kann Berge versetzen. Wenn du verstehst, dass Herausforderungen eine Chance und Misserfolge lediglich ein Signal für eine nötige Kurskorrektur sind, dann setzt du dich stetigem Wachstum aus. Du gehst an die Grenzen deiner Kompetenz, weil du verstehst, dass es kein persönliches Versagen ist, wenn mal etwas schief geht.

        Menschen, die über ein growth mindset verfügen, arbeiten stetig an ihrer Kompetenz und streben nach Wachstum. Für mehr Tipps, wie du das growth mindset entwickeln kannst, empfehle ich dir meinen Artikel Vom Lernstil zum Growth Mindset. Hier gehe ich auf konkretere Schritte ein. Willst du tiefer in die Materie einsteigen, dann greif zu Carol Dwecks Buch Selbstbild.

        Ein kurzer Rückblick

        Wenn du es bis hierher geschafft hast, vielen Dank! Ich weiß deine Zeit sehr zu schätzen. Um alles noch mal kurz Revue passieren zu lassen, hier eine kurze Zusammenfassung:

        • Das menschliche Gehirn neigt dazu, die Komplexität der Umwelt zu reduzieren. Das führt zu Selbsttäuschungen im Alltag.
        • Der Dunning-Kruger-Effekt bezeichnet eine verzerrte Selbstwahrnehmung. Dadurch sind Menschen nicht in der Lage, ihre eigenen Fähigkeiten einzuschätzen.
        • Dem Dunning-Kruger-Effekt kannst du vorbeugen, wenn du deine Einstellung gegenüber dir selbst radikal in Frage stellst:
          • Gehe immer davon aus, dass jemand etwas weiß, das du noch nicht weißt.
          • Teste dein Wissen durch Selbsttests, Schreiben und die Feynman-Technik!
          • Rede weniger. Höre mehr zu.
          • Verstehe Fehler als Chance und hol dir Feedback von anderen Menschen ein.
          • Entwickle ein Growth Mindset.

        Dein Leben - ein Videospiel?

        Stell dir dein Leben wie einen Charakter in einem Videospiel vor. Ich selbst habe in meiner Jugend (zu viel) World of Warcraft gespielt. Das Prinzip ist aber auf das Leben übertragbar: Du entwickelst einen Charakter von Stufe 1 bis Stufe 70. Dabei wird er immer stärker.

        Vielleicht hast du früher auch GTA San Andreas gespielt. Der Hauptcharakter besaß Fähigkeiten wie Ausdauer und Stärke. Wenn du im Spiel viel gerannt oder regelmäßig ins Fitnessstudio gegangen bist, konntest du diese Fähigkeiten verbessern. Du warst in der Lage, länger zu laufen oder hast Muskeln aufgebaut.

        Der einzige Unterschied im echten Leben ist, dass du nie weißt, wann du das Levelcap, also das Maximum deiner Fähigkeiten, erreicht hast. Das kannst nur du herausfinden. Im echten Leben bist du der Hauptcharakter. Durch Anstrengung und mit etwas Zeit kannst du deine Fähigkeiten verbessern und den Endboss besiegen.


        Quellen