Der erste Eindruck zählt. Das gilt nicht nur für die Liebe auf den ersten Blick. Auch im Beruf machen wir uns schnell ein Bild von unserem Gegenüber. Denn wie der Volksmund weiß, machen Kleider Leute.
Für den ersten Eindruck erhält man meistens keine zweite Chance. Das ist problematisch, denn er kann auch täuschen.
Was bedeutsam ist unser erster Eindruck einer anderen Person? Wie treffsicher ist er und wie führt er uns in die Irre? Das erfährst du hier.
Inhaltsverzeichnis
- Wie treffsicher ist unser erster Eindruck?
- Warum wir an unseren Urteilen festhalten.
- Warum wir oft danebenliegen.
- Menschenkenntnis und ihre Grenzen
- Die Macht der Mimik
- Zwei Seiten einer Medaille
- Zusammenfassung: Erster Eindruck
- Quellen
Erinnere dich für einen kurzen Moment zurück. Wann hast du das letzte Mal jemanden völlig Fremden kenngelernt? Wie schnell hattest du einen Riecher, ob dir diese Person sympathisch ist oder nicht?
Ein erster Eindruck entsteht oft in Sekundenschnelle - ohne uns dessen wirklich bewusst zu sein. Doch wie zuverlässig ist unser erster Eindruck? Mit genau dieser Frage beschäftigte sich der Sozialpsychologe David Kenny.
Wie treffsicher ist unser erster Eindruck?
David Kenny verfasste das Standardwerk der Menschenkenntnis: Interpersonal Perception. The Foundation of Social Relationships. Aus Kennys Forschung geht hervor, dass wir allein über ein einfaches Passbild die Gesamtpersönlichkeit eines Menschen mit einer Trefferwahrscheinlichkeit von 58 Prozent erraten können1.
Das ist gar nicht so schlecht, wenn man bedenkt, wie wenig Informationen ein Passbild bietet. In der Realität nehmen wir jedoch viel mehr wahr. Körperhaltung, Mimik, Gestik, Kleidungsstil - je mehr Informationen wir wahrnehmen, desto besser wird das Bild, das wir malen.
Ein erster Eindruck ist daher oft relativ treffsicher. Darin liegt jedoch auch das Problem. Manchmal greifen wir völlig daneben. Ist unser Urteil dann erst einmal getroffen, ändern wir es nur sehr langsam, oft sogar überhaupt nicht.
Warum wir an unseren Urteilen festhalten.
Stecken wir eine Person in eine falsche Schublade, bleibt sie dort, auch wenn sie dort überhaupt nicht hineinpasst. Wer jemanden nicht riechen kann, macht sich meist nicht die Mühe, ihn sich schön zu schnuppern.
Während wir beim ersten Kennenlernen in kurzer Zeit sehr viele Informationen verarbeiten, flacht diese Lernkurve danach deutlich ab. Rund die Hälfte dessen, was wir über eine Person lernen, speichern wir innerhalb der ersten Sekunden und Minuten.
Danach passiert nur noch wenig. Das führt dazu, dass selbst Eheleute die Persönlichkeit ihres Partners nur bis zu 80 Prozent korrekt einschätzen2.
Warum wir oft danebenliegen.
Unser Gehirn ist nicht selten etwas faul. Es möchte seine ersten Eindrücke nicht laufend hinterfragen. Es erbringt eine Höchstleistung beim ersten Kennenlernen. Danach will es sich ausruhen.
Doch auch wenn unser Gehirn Höchstleistungen erbringt, können ihm Fehler unterlaufen. In der Psychologie spricht man dabei von kognitiven Verzerrungen. Eine dieser Verzerrungen ist der sogenannte Overconfidence-Effekt.
Menschen überschätzen ihre Fähigkeiten. Sie halten sich für intelligenter, schöner oder moralischer als andere. Dabei überbewerten sie ihre Fähigkeiten nicht nur beim Auto fahren oder Fußball spielen, sondern eben auch bei der Einschätzung anderer Menschen.
Dadurch können uns gravierende Fehler unterlaufen. Wir verlassen uns auf Vorurteile und Erfahrungswerte. Klischees haben durchaus eine Berechtigung. Der erste Eindruck funktioniert vor allem deshalb, weil in den vielen Vorurteilen, die wir haben, oft ein Körnchen Wahrheit steckt. Doch nicht selten führen uns diese Vorurteile in die Irre.
Menschenkenntnis und ihre Grenzen
Gute Menschenkenner sind in der Lage, mit diesen Vorurteilen zu arbeiten. Sie verfügen sozusagen über treffsichere Schubladen. Mit einer Quote von bis zu 90 Prozent können sie anhand dieser Kategorien Aussagen darüber treffen, wie z.B. ein heterosexueller Mann Anfang 30 aus der deutschen Mittelschicht im Vergleich zu einer alleinerziehenden Mutter Mitte 40 tickt.
Innerhalb dieser Schubladen sieht das jedoch wieder anders aus. Zwei heterosexuelle Männer Anfang 30 aus der deutschen Mittelschicht voneinander zu unterscheiden, fällt ihnen schon deutlich schwerer. Selbst die besten Menschenkenner tappen dabei fast genauso im Dunkeln wie alle anderen3.
Trotzdem kann man sagen, dass der erste Eindruck, auch wenn er einige gravierende Tücken birgt, oft überraschend treffsicher ist. Eine Schlüsselrolle spielt dabei unsere Fähigkeit, die Mimik des Gegenübers zu lesen. An dieser Kompetenz arbeitet das menschliche Gehirn schon seit Jahrtausenden. Doch wie gut ist es in dieser Zeit darin geworden?
Die Macht der Mimik
Andreas Sprenger von der Universität Lübeck beschäftigte sich mit der Frage, ob Menschen in unterschiedlichen Berufen auch in ihrer Fähigkeit voneinander abweichen, Emotionen aus den Augen des Gegenübers abzulesen.
Sprenger hatte die Vermutung, dass vor allem Turniertänzer, die nicht nur permanent auf die Bewegung ihres Partners achten, sondern einander auch ständig in die Augen blicken, besser in diesem Experiment abschneiden würden.
Das war jedoch nicht der Fall. Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass die meisten Menschen in etwa gleich gut darin sind, wenn es um die Fähigkeit geht, von den Augen des Gegenübers auf den emotionalen Zustand zu schließen. Die Trefferquote lag im Schnitt bei ca. 66 Prozent4.
Interessanterweise kommen ältere Studien um die Jahrtausendwende herum zu ähnlichen Ergebnissen. Entgegen der oft geäußerten Behauptung, die Digitalisierung beraube uns unserer sozialen Fähigkeiten, scheint unsere Kompetenz, Gesichter zu lesen, zumindest vorerst nicht negativ beeinträchtigt zu werden.
Vielleicht ist diese Fähigkeit schlicht und ergreifend zu wichtig, als dass wir uns Schwankungen in ihrer Ausprägung erlauben könnten. Auch wenn die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Menschen der Zukunft nicht zu unterschätzen sind, lässt sich die Evolution nicht einfach von heute auf morgen verändern.
Der Mensch ist auf das Lesen von Gesichtern geeicht. Es liegt quasi in seiner DNA. Er ist Profi darin. Mit 43 Muskeln können wir lt. US-Psychologe Paul Ekman mehr als 10.000 verschiedene Ausdrücke produzieren5.
Zwei Seiten einer Medaille
Menschen sind nicht nur Meister der Mimik, sondern auch ihrer Entschlüsselung. Die Gesichtszüge anderer Menschen zu deuten ist dabei eine kognitive Höchstleistung. Hast du schon mal bemerkt, dass Menschen in Gesprächen oft ins Leere blicken, wenn sie nachdenken?
Das passiert sehr häufig und signalisiert nicht zwingend Desinteresse. Denn das Gesicht des Gegenübers zu deuten, während wir nachdenken, ist enorm anstrengend. Also blicken wir unbewusst lieber ins Leere, um unsere Kapazitäten auf das Denken zu fokussieren6.
Diese Ausdrucksstärke kommt nicht von irgendwoher. Der Mensch ist ein soziales Wesen und als er noch nicht über ausgereifte Sprachfertigkeiten verfügte, waren nonverbale Signale das einzige Mittel zur Kommunikation.
Doch die Stärke des Menschen ist auch seine Schwäche. Der Mensch trägt seine Emotionen im Gesicht. Das macht ihn angreifbar. So gut wir darin sind, uns nonverbal auszudrücken, so schlecht sind wir gleichzeitig darin, diese Signale vor anderen zu verbergen.
Paul Watzlawick drückte dies in einem seiner fünf Axiome der Kommunikation folgendermaßen aus:
Man kann nicht nicht kommunizieren.
Gerade über das Gesicht gibt der Mensch manchmal mehr Informationen preis, als ihm lieb ist. Die einzige Ausnahme hierfür ist wahrscheinlich Olaf Scholz.
Zusammenfassung: Erster Eindruck
Was lässt sich also abschließend über unsere Fähigkeit, andere Menschen zu lesen, festhalten?
- Unser erster Eindruck ist oft überraschend treffsicher.
- Das Lesen von Gestik und Mimik ist ein Schlüsselfaktor, um andere Menschen einzuschätzen.
- Genauso gut, wie wir Emotionen ausdrücken können, so schlecht sind wir darin, sie zu verbergen.
- Trotz unserer sozialen Fähigkeit unterliegen wir in der Interpretationen anderer Menschen kognitiven Verzerrungen und Fehleinschätzungen.
- Da wir ein getroffenes Urteil nur sehr langsam ändern, sollten wir vorsichtig damit sein, unsere Urteile zu überschätzen.
- Auch wenn Klischees helfen, müssen wir neugierig bleiben - selbst beim Partner, den wir vermeintlich schon bestens kennen.
Wenn wir einander wirklich verstehen wollen, müssen wir über unseren ersten Eindruck hinaus aufmerksam bleiben und unsere Annahmen regelmäßig hinterfragen. Hier gibt es keine Abkürzungen.
Unser erster Eindruck ist nur der Anfang einer Reise. Er sollte nicht das Ende sein.