Vor einigen Wochen holte ich meine Nichte zum ersten Mal vom Kindergarten ab. Als ich den Raum betrete, spielt sie gerade mit ihrer Freundin. Hand in Hand lassen sie sich immer wieder auf den Hintern fallen. Dabei lachen sie so herzlich wie es nur Kinder können - ein völlig unbeschwertes Lachen.
Ich frage mich, ob meine Nichte dieses Lachen irgendwann verlernt. Ahnt sie schon, was im Leben alles auf sie zukommen kann?
Ich frage mich, ob ich selbst einmal auf diese Art und Weise gelacht habe und ob ich heute noch dazu in der Lage wäre. Kann ein Erwachsener die Unbeschwertheit der Kindheit überhaupt noch empfinden?
In Harry Potter und der Orden des Phönix räumt Albus Dumbledore am Ende des Buches seine Fehler im Umgang mit Harry in seinem fünften Schuljahr ein. Er sagt:
"Die Jugend kann nicht wissen, wie das Alter denkt und fühlt. Aber alte Menschen machen sich schuldig, wenn sie vergessen, was es hieß, jung zu sein."
- J. K. Rowling1
Junge Menschen haben das Alter im wahrsten Sinne des Wortes noch nicht erlebt. Sie können nicht wissen, wie es sich anfühlt, wenn Erfahrung und Wissen zunehmen, der Körper aber allmählich abbaut.
Ältere Menschen hingegen waren bereits jung. Sie durchlebten die vielen Phasen des Erwachsenwerdens und des Erwachsenseins. Dabei vergessen sie jedoch oft, dass sie nicht immer der Mensch waren, der sie heute sind.
Lange Zeit habe ich den Worten Dumbledores uneingeschränkt zugestimmt. Die Jugend kann nicht wissen, wie das Alter denkt und fühlt. Doch nur weil ein junger Mensch nicht weiß, wie es sich anfühlt alt zu sein, kann er sich trotzdem bemühen, das Alter zu verstehen.
"Kinder müssen mit Erwachsenen sehr nachsichtig sein."
- Antoine de Saint-Exupéry2
Denn es scheint nicht nur so zu sein, dass das Alter das Empfinden der Jugend vergisst, wie Dumbledore sagt. Vielleicht geht durch das Erwachsenwerden tatsächlich etwas verloren, an das sich das Alter nicht mehr erinnern kann, selbst wenn es sich darum bemüht.
Vielleicht fühlen die Augen des Alters nicht mehr das, was für die Jugend offensichtlich ist.
Das Kindliche ist etwas Wunderschönes. Es mag unbeholfen sein, doch es ist auch ehrlich, wahr und oft natürlicher als so manch ein erlerntes Verhalten des Alters.
Vielleicht bleibt das Kindliche immer ein Teil von uns. Vielleicht vergessen wir es auf dem Weg zum Erwachsensein. Vielleicht verlieren wir es auch.
Was wir jedoch als Gesellschaft nicht verlieren dürfen, ist die kindliche Fähigkeit einander die Hand zu reichen - egal, ob jung oder alt. Von meiner Nichte kann ich also noch so einiges lernen.
PS: Einen weiteren Impuls über Alter und Jugend findest du hier.
Quellen